Die Anmut des ewig Weiblichen

WIESLET. Und ewig lockt das Weib: Wer sich berühmte Aktbilder des Impressionisten oder Neoimpressionisten ansieht, entdeckt fast ausschließlich weibliche Modelle. Der Maler Friedrich Ludwig (1895-1970), ein Expressionist der zweiten Stunde, macht da keine Ausnahme. Seine Aktbilder aus sechs Jahrzehnten, zu sehen in einer neuen Sonderausstellung im Ludwig Museum in Wieslet, sind eine Huldigung an die Anmut des ewig Weiblichen.

60 Akte in verschiedenen Techniken wie Öl, Pastell, Aquarell, Tusche, Bleistift, Kohle, Rötel sind in dieser schönen Schau versammelt.
Ludwig begann schon als Student Akte zu zeichnen und zu malen. Auch malte er seine Modelle gern in freier Natur, als Sonnenanbeterinnen oder Badende. Das älteste der 60 Exponate stammt aus dem Jahr 1925: ein liegender Akt, noch realistisch-akademisch im Stil. 1926 ging Ludwig nach Paris, um dort an der Akademie Julien zu studieren. Die Studienzeit in Paris inspirierte den jungen Maler. Die Zeitströmungen, die Fülle impressionistischer und expressionistischer Stilrichtungen spiegeln sich in Ludwigs Bildern aus den 20er-Jahren.
Diese Aktstudien, Zeichnungen und Aquarelle können sich durchaus mit den großen der Kunstgeschichte messen. Sie verraten eine frühe Genialität, einen sicheren, raschen Strich, subtiles Farbenempfinden, ein gutes Auge für Proportionen, für den plastischen Schwung der Körperlinien und eine Ästhetik, die generell alle Aktbilder von Ludwig auszeichnet. Er war ein echter Könner im Bereich der Aktmalerei. Eine natürliche Sinnlichkeit und Zartheit geht besonders von den frühen Akten aus, die Einflüsse von Renoir oder Cézanne erkennen lassen: Liegende, stehende, sitzende Akte, Halbakte, Frauen beim Sonnenbad, halb angezogen beim Kämmen der Haare, Modelle in nachdenklicher oder verführerisch-anmutiger Pose.
Auch in den Jahren nach Paris entstanden Meisterwerke. So ist ein wunderbarer Akt von 1936 erhalten, ein Aquarell, das Ludwig in Zürich gemalt hat. Damals konnte er, vom Naziregime als „entarteter Künstler“ mit Malverbot belegt, seine Arbeit nur im Ausland ungehindert fortsetzen. Ludwig entwickelte einen eigenen Stil des expressiven Realismus. Aus dieser Phase sind einige Ölbilder aus den 40er- und 50er-Jahren zu sehen, darunter die „Freundinnen“, der „Tanz im Freien“, im Ausdruck voller Bewegung, oder der großformatige Akt „Am Bodensee“. Ein kleines Pastell von 1960, sehr frei in den Formen und kräftig in den Farben, macht deutlich: Bis ins Alter war Ludwig ein Ästhet und Meister der Aktmalerei.

Text: Roswitha Frey.