Die Rückkehr eines Verlorenen

Source: Südkurier Nr. 95, 25. April 1997.

Die märchenhafte Wiederentdeckung des Wiesleter Malers Friedrich Ludwig.

Ausstellung: 25. April – 27. April 1997.

Die Geschichte hat etwas märchenhaftes. Da gibt es einen Künstler, einen Maler: Friedrich Ludwig aus Wieslet. „Ludwigmoler“ nennen ihn die Einheimischen. Die Anerkennung bleibt ihm zeitlebens versagt. In der Enge seines Heimat im Kleinen Wiesental wird er nicht verstanden. Im Nazi-Deutschland gilt seine expressionistische Kunst als entartet: mit der stürmischen Entwicklung der Nachkriegszeit mag der Künstler, ins Abseits gedrängt und längst ein Sonderling, nicht schritthalten. Seine Bilder, gibt er immer wieder vor, habe er verbrannt. 1970 stirbt Ludwig – sein Werk gilt als verloren. Bis, wie aus dem Nichts, Hunderte Bilder wieder auftauchen und eine kleine Kulturinitiative Friedrich Ludwig dem Vergessen entreißen kann.

Die private Initiative „Kunst und Kultur Kleines Wiesental“ formierte sich 1990. Sie ist Sammelbecken für Menschen mit ganz unterschiedlichem persönlichem Hintergrund, die die Idee eint, Kunst und Kultur in ihrer Heimat sichtbar zu machen, erfahrbar.
Diese Kulturarbeit von unten hat in den vergangenen Jahren erstaunliches zutage gefördert. Die Friedrich-Ludwig-Ausstellung freilich sticht heraus durch das bewegte und bewegende Schicksal dieses Künstlers. Erstmals überhaupt werden am Wochenende unter dem Titel „Ein vergessener und verlorener Maler kehrt zurück“ in Wieslet rund 100 Werke des Malers gezeigt. Für die Initiative ein Kraftakt: „Wir stoßen damit personell und finanziell an die Grenzen“, sagt Hans Viardot. Der Arzt aus Tegernau ist einer von gut 30 Helfern im Ausstellungs-Team.

Erstmals aufmerksam auf Friedrich Ludwig wurde die Initiative 1992, als die rührigen Kulturarbeiter eine Ausstellung mit Malern aus dem Kleinen Wiesental zusammenstellte. Hans Meier, ein weiterer Aktiver der Gruppe, hatte durch hartnäckige Nachforschungen Kontakt zu Ludwigs zweiter Frau Christa hergestellt. Sie versprach den Machern, sogar „ein Paket Bilder“ zu schicken. Doch die Post kam nie an – wie Meier und Viardot Jahres später erfuhren, war die Witwe des Malers wenige Tage später gestorben.

Weitere Recherchen führten schließlich zu Professor Marien nach Traben-Trarbach. Im Besitz des Juristen und Verlegers, Sammlers und Mäzens ist heute der überwiegende Teil von Ludwigs künstlerischem Nachlass – es sind wohl an die 2000 Bilder, wie Viardot schätzt, an die Marien auf mehr als abenteuerlichem Wege gelangte.

Angefangen hat es mit einem Barock-Schrank, für den sich der Kunstkenner interessierte. Als die Antiquitätenhändlerin aber abwehrte und von „Leinwänden“ sprach, die sich in dem Möbel lagere, wurde Mariens Neugierde wach. Er stieß auf mehr als 200 Werke Ludwigs … Was noch da war, erwarb Marien, rettete sie so wie auch Hunderte weitere Stücke, die er ebenfalls aufkaufte. Für die Initiative aus dem Kleinen Wiesental öffnete der Sammler bereitwillig seine Schatzkammer.

Reinhard Müller-Mehlis ist einer der wenigen Kunstkritiker, die sich bislang mit Ludwigs Werken befassen konnte. Er nennt den Maler in einem Beitrag für die renommierte „Weltkunst“ einen „Koloristen von hohen Grade, dessen Entdeckung nachzuholen ist“. Der Zürcher Kunsthistoriker Werner Y. Müller stufte ihn schon zu Lebzeiten als „bedeutenden deutschen Expressionisten“ ein.

Werke wie das von der Nachwelt so betitelte „Die Ankunft des Fremden“, Motiv des Ausstellungsplakates, könnten deshalb für Aufsehen weit über die Heimat des weithin unbekannten Künstlers hinaus sorgen. Das Misstrauen in den Augen und Mienen der Menschen, die Ludwig hier in Öl auf Leinwand festgehalten hat, dürften die Entfremdung widerspiegeln, die der Künstler selbst gegenüber seiner Umwelt empfunden hat.

Die Initiative aus dem kleinem Wiesental zeigt eine vielseitigen Künstler. Da gibt es ausdrucksstarke Porträts und eindrückliche Landschaften, Heimatmalerei und Reisebilder, bäuerliche Motive und Szenen aus dem Arbeiteralltag. Den meisten von Ludwigs Bildern gemeinsam ist die sprühende Kraft der Farben, für Müller Ausdruck der Traumwelt, in der der Künstler lebte. Eine ältere Wiesleterin charakterisierte den „Ludwigmoler“ lakonischer: „D’Farbe sin ihm halt in de Chopf gstiege.“

Die Ausstellung in Wieslet soll nur ein Anfang sein, soll das Interesse am Maler Friedrich Ludwig über das Wiesental hinaus wecken. Den Initiatoren schwebt Größeres vor, vielleicht sogar ein Ludwig-Museum. Sammler Marien jedenfalls würde seine Bilder als Dauerleihgabe bereitstellen, sollten geeignete Räume zu finden sein. Ein Projekt, das freilich zu groß ist für das kleine Wieslet, weshalb sich jetzt Kunstverein, Museumsverein und Stadtmuseum in Schopfheim um eine Lösung mühen.

Werner Y. Müller war kurz vor dem Tod des Künstlers in einem Brief an Christa Ludwig sicher: „ Er trägt und er erträgt das Schicksal Friedrich Hölderlins, der auch erst nach seinem Tode in seiner Schönheit und Bedeutung voll erfasst wurde und von dessen Träumen noch Generationen Wegzehrung für das Leben finden.“

Bericht: Martin Raab.